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Neue Forschungen auf dem Gebiete der Psychopathia sexualis, eine medicinisch-psychologische Studie

V. Krafft-Ebíng

1892 · DOI: 10.1055/S-0029-1199264
6 Citations

Abstract

Ix. Referate und. Kritiken. V. Krafft-Ebing. Neue Forschungen auf' dem Gebiete der Psychopathia sexualis , eine medicinisoh psychologische Studie. Stuttgart, Ferdinand Enke. Ref. Seeligmüller (Halle). Die vorliegende Schrift des auf diesem Gebiete erfahrenen Forschers enthält eine Fortsetzung und Erweiterung seiner Studien. In dem ersten Abschnitte bespricht er einige Formen von Perversion der Vita sexualis: den Masochismus und den Sadismus und versucht eine psychologische Erkhtrung derselben. Die erste Form hat ihren Namen von dem bekannten Romanschriftsteller Sacher Masoch, welcher in zahlreichen seiner Romane, ganz besonders aber in seinem bekannten Die Venus im Pelz" diese eigene Art der sexuellen Perversion zum Lieblingsgegenstand seiner Schriften gemacht hat. Während beim normalen Verkehr der Geschlechter dem Manne die active, selbst aggressive Rolle zukommt, und das Weib passiv, selbst defensiv sich verhält, lässt sich hier der Mann, auf Grund von sexuellen Empfindungen und Drängen, vom Weibe misshandeln und gefällt sich in der Rolle des Besiegten statt der des Siegers. Die sexuelle Bedeutung solcher Misshandlung geht daraus hervor, dass es ein Weib von besonderer physischer und meist auch seelischer (wenn auch bloss ad hoc vorgetäusehter) Beschaffenheit sein muss, welche demüthigt und misshandelt, dass durch den seelischen Reiz, welchen das Weib ausübt, unterstützt durch etwaige Flagellation, Wollustgeflihle hervorgerufen werden, die bis zu Orgasmus und Ejaculation sich steigern können, so dass die Situation geradezu ein Aequivalent des Coitus darstellt. Die Perversion der Vita sexualis in solchen Fällen ergiebt sich ferner daraus, dass den Mann seelisch an dem betreffenden Weibe nur die angenommene oder wirkliche Brutalität und körperlich nur Theile seines Leibes, die zu Misshandlungen geeignet sind (Hand, Fuss) sinnlich erregen, dass demgemäss der Coitus verschmäht wird oder wenigstens nicht befriedigt, bis zur Unmöglichkeit ihn zu leisten, während der brutale Act der Misshandlung volle sexuelle Befriedigung gewährt. Ein bekanntes Beispiel des Masochismus bietet Rousseau, wenn er in seinen Confessions (1. Theil, 1. Buch) erzählt, wie er im Alter von acht Jahren von dem 3Ojä.hrigen, ihm sehr imponirenden Fräulein Lambercier Schläge mit der Hand bekommen hatte und dabei neben Schmerz und Scham ein wollüstiges, sinnliches Gefühl empfand, das ihn mächtig erregte, neue derartige Züchtigungen zu provociren. Seitdem fühlte Rousseau das Bedürfniss, sich von Damen, die ihm gefielen, à la Lambercier züchtigen zu lassen. Bekanntlich wurde Rousseau erst mit dreissig Jahren durch Madame de Warrens in die eigentlichen Mysterien der Liebe eingeweiht. Als Beispiel von Masochismus des Weibes führt Verfasser das Käthchen von Heilbronn an. Dem Masochismus steht als Gegenstück gegenüber die nach dem Vorgange der Franzosen ,,Sadismus" genannte Form sexueller Perversion, deren berüchtigter Vertreter der monströse Marquis de Sade war, und welche darin besteht, dass Acte der Grausamkeit am Körper des Weibes vom Manne verübt, nicht sowohl als präparatorischer Act gesunkener Libido und Potenz, sondern sich selbst als Zweck vorkommen, als Befriedigung einer perversen Vita sexualis. Der Betreffende, auf Grund einer angeborenen oder erworbenen Perversio sexualis, perhorrescirt den Coitus und findet in dem wollüstig grausamen Act, begangen an der Consors, ein Aequivalent für jenen, insofern der Act Orgasmus bis zur Ejaculation hervorruft, während der Coitus nicht diesen Genuss gewährt, nach Umständen psychisch geradezu unmöglich ist und deshalb verschmäht wird. Im zweiten Abschnitt giebt Verfasser eine sehr interessante Casuistik zur conträren Sexualempfindung, und zwar Beispiele von psychischer Hermaphrodie und Homosexualität.