Ueber denkende Tiere, Hellsehen und Materialisationsphänomene2) (Fortsetzung aus Nr. 15.)
Ueber denkende Tiere, Hellsehen und Materialisationsphänomene2) (Fortsetzung aus Nr. 15.)
O. Klieneberger
Abstract
B. ki. W. 1912 Nr. 27. Nach einem Vortrag j. d. Med. Jcs. in tJöttingen um 5. Ui. 1914. sind.1) Es handelt sich hier um einen 4øjährigen Menschen, der ,,inmstaude ist, den ihm unbekannten Inhalt zusainmengefalteter bescliriebener Zettel, die in der fest geschlossenen Hand des Beobachters gehalten werden, schlank zu lesen, als wenn der Inhalt offen vor seinem körperlichen Auge läge." Schottelius hat dreimnal Versuche mit dem Hellseher angestellt. Er beschrieb jedesmal in Abwesenheit des Hellsehers, nachdem er sich aber auvor einige Zeit mit ihm unterhalten hatte, 3 Zettel mit Zahlen, Formeln und Sprüchen, faltete dio Zettel vielfach %usammen und mischte sie untereinander, sodaß or selbst sie nicht mehr voneinander unterscheiden konnte. Dann rief er den Hellseher herein und nahm einen Zettel in die rechte, einen in die linke Hand, während er den dritten abseits unter die Sehreibtischunterlage oder mitten zwischen Zeitschriften verbarg. Der Hellseher las nun jedesmal die 3 Zettel richtig in der von Schottelius ihm vorgeschriebenen Reihenfolge. Er starrte dabei schräg an Schottelius vorbei ins Leere und las unter deutlichen Zeichen sichtlicher Anstrengung die Schrift, die er nach seinen Angaben hell, aber nieht leuchtend, auf dunklem Untergrund sieht ; nach dem Lesen schien er erschöpft. Dio Versuche scheinen insofern einwandsfrei, als S e h o t t e 1 j u s nach Kräften Versuchsfehler auszuschalten bemüht war, vor allem deshalb, weil er die Zettel mischte und also selbst die Reihenfolge und den Inhalt des jeweils zu lesenden Zettels nicht kannte. Eine Bestätigung erhalten zudem dio Beobachtungen von Sehottelius durch andere Untersuchungen, die einige Jahre zuvor mit demselben Hellseher in ebenfalls nicht zu beanstandender Weise in der Psychiatrisehen Klinik in Freiburg und im Oefängnis in Baden von verschiedenster Seite (2 Aerzten, einem Anstaltsgelstlichen, einem Realund einem Oberlehrer) angestellt worden waren. In der Psychiatrischen Klinik wurden sogar einmal 4 Zettel gegeben, von denen einer unbc. schrieben war aber auch dieser Versuch wurde von dem Hellseher ohne weiteres richtig gelöst. Bemerkenswert ist, daß dic Versuche in der Psychiatrischen Klinik nur die beiden ersten Male in Gegenwart des Abteilungsarztes Dr. H a y m a n n gelangen, daß der Hellseher von d a ab regelmäßig versagte und daß 4ie zililreichen Versuche, die der Direktor der Klinik, Geheimrat Prof. H o ch e, mit dem Hellseher anstellte, durchweg scheiterten. Trotzdem aber erklärte H o ch e , daß er keinen Anlaß habe, an der objektiven Zuverlässigkeit der Beobachtungen seines Assistenten zu zweifeln, und daß ihm bei der Anordnung der Versuche ein Betrug ausgeschlossen scheine. Uns interessiert natürlich nun besonders die Persönlichkeit (les Hellsehers. Da ist zu sagen, daß er bereits als dreijähriges Kind cille auffallende Rechenbegabung zeigte und mit Sstclligen Zahlen im Kopf arbeiten konnte. Er war schon damals reizbar, hatte lebhafte Träunc und litt an Schlafwandeln. Später geriet er wiederholt iiiit den Gesetzen in Konflikt. Er benutzte die Gabe des ,,Hellsehens", um sich in da.s Vertrauen seiner Mitmenschen einzuschleichen und ihnen dann gegen hohe Entschädigung die Zukunft vorauszusagen. An seiner Fähigkeit, die Zukunft vorauszusehen, hielt er auch später fest, seine Prophezeiungen haben sich indessen nie erfüllt. Vebrigens hat er auch weiterhin (he Gerichte wiederholt beschäftigt. Seine Glaubwürdigkeit ist jedenfalls nicht besonders hoch einzuschätzen. Trotzdem sind die Versuche so überzeugend, daß wir sie vorläufig nicht als Schwindel ablehnen können. Eine Erklärung für sie haben wir freilich noch nicht. Es bleibt unverständlich, wie der ,,lldllseher" die vielfach zusammengefaltete Schrift, noch dazu durch die sie verdeckende und, wie man meinen möchte, noch mehr verwirrende Menge von Zeitschriften hindurch, erkennen und lesen kann. Riches hat kürzlich2) ausgeführt, daß sich die Erfolge des Hellsehers durch suggestive Beein. flussung, ev. durch Gedankenübertragung erklären lassen. Dafür würde u. a. sprechen, daß die Versuche nicht immer und nicht bei jedem gelingen, daß der Hellseher nur, wie er sich ausdrückt, mit ihm sympathischen Personen arbeiten" kann. Aber einerlei, wie man sich auch immer den Vorgang vorstellt, selbst wenn man mit der natürlich nicht auszuschließenden Möglichkeit von Versuchsfehlern rechnet (es hätten die verschiedenartigsten Kontrollen, wieder vor allem mit Einschaltung eines Dritten, noch angestellt werden können), unerklärt bleibt immer die Tatsache, daß der Hellseher die Zettel in der willkürlich gewählten, auch dem Untersucher unbekannten Reihenfolge richtig bestimmt hat. Was die eben geschilderten Beobachtungen besonders bemerkenswert erscheinen läßt, ist die einfache objektive Art der Mitteilung, die sich von allen Folgerungen frei hält und dadurch aus ähnlichen Veröffentlichungen angenehm sich heraushebt. Ich muß indessen leider hinzufügen, daß auch Schottelius sich nicht mit der Feststellung der Tatsachen in der genannten medizinischen Zeitschrift begnügt hat, sondern daß weitere Mitteilungen von ihm im ,,Kosmos" und auch anderwärts erschienen sind. Die ganzen Vorgänge sind noch so unklar, die Versuche nicht genügend und nicht mit ausreichenden Kontrollen durchgeführt, dic Persönlichkeit des ,,Hellsehers" so zweifelhaft, daß eine größere Reserve wohl am Platze gewesen wäre, wie sie ja auch bisher Hoche und die anderen Untersucher seit Jahren sich auferlegt haben. Jeden-
